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sankt ottilien
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ingrid zehetmair
Bilder
von Ingrid Zehetmair in St. Ottilien
Notizen
von einer Reise in das Herz der Dinge
St.
Ottilien. Der Wanderweg vom Bahnhof Geltendorf nach St. Ottilien führt
auf einer von hohen Birken gesäumten Allee vorbei an blühenden
Rapsfeldern, saftigen Wiesen und Äckern. Ein bayerisches Farbenspiel
in Gelb, Grün und Braun, aus dem am Horizont die Turmspitze der Klosterkirche
von St. Ottilien zu einem weißblauen Himmel aufragt. Eine Postkartenidylle,
dennoch real und die beste Einstimmung auf die ungeheure Farbenpracht,
die den Besucher der Galerie des neuen Klosterladens erwartet.
Andächtige
Stille ist in das Atrium eingekehrt, nachdem die zweihundert Gäste
der Vernissage gegangen sind. Licht strömt durch das Glasdach in das
nun menschenverlassene Bauwerk und lässt die Farben der hier ausgestellten
Bilder von Ingrid Zehetmair noch intensiver erscheinen, als während
des Getümmels drei Stunden zuvor. Eine pralle, lebensmutige Welt aus
glänzendem Braun, nachtdunklem Blau, gleißend mediterranem Gelb
oder begierigem Rot, das den Betrachter anspringt. Ein Fest, das die Heiterkeit
und Lust des Lebens in leuchtenden, vibrierenden Farben feiert. Die Erdinger
Künstlerin erschafft in manchen ihrer Landschaften und Stillleben
aber auch eine Welt der Zwischenräume, Grenzzonen, aus denen das Beängstigende
und Bedrohliche des Lebens aufsteigt. Ein nicht greifbarer Schrecken kriecht
aus dem „Stangenwald“; Verlassenheit überkommt einem beim Blick auf
die „Nächtlichen Impressionen“; Wehmut entsteht im Auge des Betrachters
der „Braunen Herbstwiese“.
Ingrid
Zehetmair, sagt der Prior des Benediktinerklosters, P. Claudius Bals, in
seiner Ansprache, suche nicht nach dem Besonderen. Die Motive ihres hauptsächlich
gegenständlichen Malens sind geläufig: Landschaften, Häuser,
Blumen, Krüge und andere Dinge des alltäglichen Lebens. Aber
ihre Bilder gehen weit über den jeweiligen Gegenstand hinaus. Ingrid
Zehetmair malt eine Landschaft nicht ab, sie erschaut sie, und so gelangen
ihre besten Werke zum Ausdruck von Welt und Welterfahrung, oder – in den
Worten des Priors gesprochen – zur Gotteserfahrung. Ingrid Zehetmair würde
dieses große Wort von sich weisen. Sie habe, sagt sie ohne jede Koketterie,
einfach Freude am Malen.
Es
begann vor einigen Jahren, als sie neben oder vielleicht gerade aus ihrer
Liebe zur Musik heraus – Ingrid Zehetmair spielt Geige und Klavier – die
Malerei wieder für sich entdeckte. Denn gemalt hat sie schon früher.
In München, auf Capri und in der Abgeschiedenheit ihres Hauses in
Erding übte sie sich jetzt intensiver denn je in den Techniken des
Malens, zurückgezogen und zunächst ohne den Wunsch, an die Öffentlichkeit
zu treten.
Ihre
Scheu und Bescheidenheit, die Pater Claudius anspricht, sind ihrem Charakter
eigen, haben aber einen weiteren Grund: Als Frau des Staatsministers für
Wissenschaft und Kunst, Hans Zehetmair, will sie ihre Bilder nicht einer
Polemik aussetzen, mit der der politische Gegner eigentlich ihren Mann
treffen will. Und der Neid entzündet wie kein anderes Stimulans so
viele Fehden und Debatten des Kulturbetriebs. Die Benediktiner sind kluge
Leute, und Prior Claudius Bals erklärt gleich zu Beginn seiner Rede,
dass er auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten nicht zu bestehen wünscht.
Er, so Bals, lasse sich nicht auf „so selbstmörderische Auseinandersetzungen“
darüber ein, was denn nur wirklich Kunst sei oder nicht.
Wer,
wie Ingrid Zehetmair, virtuos mit der Farbensprache menschlicher Existenz
im Spannungsbogen von Glaube, Liebe und Hoffnung umgeht, muss sich ohnehin
um jene Debatte nichts scheren. Für solch eitle Fragen hätte
Ingrid Zehetmair nur einen spöttischen Blick übrig – als Mutter
von drei Kindern kennt sie wirklich Bedeutsames im Leben. Diese existenzielle
Erfahrung ist in ihre Biographie als Künstlerin verwoben, hat ihre
Sicht der Dinge geprägt, auch die Antworten, die sie bei ihrer künstlerischen
Suche findet. Aber es ist nicht ihre Art, darum viele Worte zu machen.
Den uralten Drang des Menschen zum Ausdruck seines Selbst beschreibt sie
mit den Worten: „Ich brauche ein inneres Erlebnis als Anlass zum Malen.“
Aus
dunklen Augen, die denen der glutäugigen Schönheiten Venetiens
und der Lombardei gleichen, betrachtet sie ihr gegenüber. Ihr Blick
zielt in das Herz der Menschen und der Dinge, entblößt sie,
jedoch ohne ihnen die Würde zu rauben. Dieser Blick führt ihre
Hand beim Malen und lässt eine auf leuchtenden Farben beruhende Kunst
der inneren Empfindung entstehen. Die Landschaften, Stillleben und abstrakten
Bilder verleihen einem alten Wort aktuelle Bedeutung: Alle Kunst kommt
aus der Stille. Ihre Bilder halten den Moment fest, die innere Gegenwart
angespannter Konzentration im Blick auf die scheinbar einfachen Dinge des
Lebens. Und dann erwächst aus der Betrachtung eines Stilllebens mit
Brot, Käse und Weintrauben eine Ahnung vom wirklich Bedeutsamen, um
das von jeher alle Furcht und Hoffnung des Menschen kreisen.
HELMUT
ZELLER
(Münchner
Merkur)
Werke
von Ingrid Zehtmair
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