Afrika – Polykarp – Kunst



Wer ist Polykarp?
Dies darzustellen, erscheint relativ leicht und soll deshalb auch in einer knappen, aber doch hinreichenden Art und Weise geschehen:
Pater Polykarp Uehlein, geboren 1931 im unterfränkischen Amorbach, ist Missionsbenediktiner aus der Abtei Münsterschwarzach und seit nunmehr 40 Jahren als Seelsorger und Maler in der Abtei Ndanda im Südwesten Tansanias beheimatet.
Nach dem Abitur und dem Eintritt in die Münsterschwarzacher Abtei 1951 studierte Polykarp Theologie und Philosophie und wurde 1956 zum Priester geweiht. Von 1960- 1963 studierte Polykarp in Frankfurt am Main Malerei. 1963 reiste er nach Tansania aus.
Dies mag genügen für einen Überblick. Ausführlicher möchte ich mich einer anderen Frage widmen, da sie mir spannender erscheint:

Warum ist Polykarp?
Als menschliches Individuum kann ich auf diese Frage nur eine Antwort geben: „Ich kann es nicht wissen.“ Aber ich kann nach Indizien, nach Möglichkeiten suchen:
Mit dem einfachsten Glaubensbestand, den wir kennen, könnte man sagen, Polykarp ist da, weil Gott es so gewollt hat. Für viele mag dies nicht befriedigend klingen. Aber es gibt in unserer christlichen Tradition auch andere und etwas differenziertere Antworten. Ich denke da beispielsweise an Nikolaus von Kues, der den Gedanken vertrat, daß Gott sich selber schafft, indem die Welt entsteht. D.h., daß Gott selbst in die Welt und somit die Menschen eingeht. Wenn nun die Entwicklung dieser Welt, derer die Menschen ein Teil sind, ein Schicksal Gottes ist, dann finde ich, hat das nicht nur für unser Handeln eine Bedeutung, sondern dann muß es auch Menschen geben, die diese Verbindung mit Gott sichtbar machen, in Worten, Taten und Werken...

Ein anderer Ansatz:
Als es klar wurde, daß der Name Homo sapiens für unsere Art doch nicht so gut paßte, wie man einst gemeint hatte, weil wir augenscheinlich am Ende doch gar nicht so vernünftig sind, wie das 18. Jh. in seinem naiven Optimismus gedacht hat, stellte man neben diese Bezeichnung für unsere Spezies den Namen Homo faber, der schaffende Mensch.
Polykarp erscheint uns nun als ein ganz besonderes Exemplar des Homo faber, nämlich als ein kunstschaffender, also ein im wahrsten Sinne des Wortes schöpferischer Mensch. Und das seit über 40 Jahren...

Ein Versuch:
Polykarp ist da, weil wir in seinem schöpferischen Tun, in seiner Malerei, den göttlichen Schöpfer erfahren können. Die geistlich-gestalterische Arbeit Polykarps lehrt uns den Weg vom Erleben zur Erfahrung. Figur und Grund, Farbe und Fläche, Ikonographie und Abstraktion werden hierbei zu den wesentlichen gestalterischen Mitteln. Polykarp schafft eine christliche Kunst, die durch ihre plakative Schlichtheit und ihre basale Dynamik den Menschen unmittelbar erfahrbar wird. Die Gemälde bewirken ein neues, ein anderes Erleben in Form einer existentiellen Einbindung des Betrachters in den christlichen Glauben.
Betrachte ich Polykarps Bilder, so sehe ich biblische Szenerien, großformatig, ich sehe abstrakte Gemälde, die durch ihre sensibel komponierten und präzise gesetzten Farb-Form-Arrangements auf mich wirken, ich sehe aber auch Gesichter und immer wieder Masken, afrikanische Kriegsmasken. Oft sind mir diese Gesichter nicht freundlich gesinnt, sie verunsichern, sie fordern heraus, oder sind entstellt, oder sie sind einfach nur von allesdurchdringender Stummheit.
Die erste Begegnung mit diesen Werken wird oft in starken Eindrücken erlebt, aber das Erlebnis bleibt schwer zu fassen. Diese Undeutlichkeit hängt jedoch nicht mit dem zusammen, was uns da begegnet, indem dies etwa zu unbestimmt wäre, vielmehr vermögen wir selbst als Betrachter noch nicht mit Bestimmtheit aufzunehmen, weil unsere Begegnung zu flüchtig ist. Wir müssen uns grundlegend mit all unseren Sinnen, unseren Ängsten, Hoffnungen und Wünschen diesen Bildern öffnen. Dann erst verstehen wir, wie sehr uns die Werke Polykarps helfen, uns selbst als christliche Menschen in unserem Verhältnis zu Gott zu begreifen.
Es sind helle, bunte Gemälde, die unser Herz erfreuen, ja sogar manchmal zum Schmunzeln bringen (vielleicht mag dies daran liegen, daß Polykarp auch ein begnadeter Cartoonist und Zeichner ist), dann jedoch erblickt man wiederum die anderen Werke, v.a. die Masken und Gesichter, die sich von uns abwenden, die in uns die Frage aufwerfen: „Warum bist Du weggegangen? Warum hast Du mich alleinegelassen?“ Zweifelsohne gehört diese Frage in der Not zu den tiefsten Wurzeln unseres Glaubens.
Doch wissen wir auch, daß, wenn es dunkel wird, wir uns nicht fürchten müssen. Gott steht uns bei und wird uns Licht in das Dunkel bringen. Und so gehe ich wieder zu den bunten Bildern, die mir so viel Freude bereiten. Ich werde ihnen nun mit noch mehr Offenheit begegnen. Ich werde mein Herz öffnen für die Eindrücke.
Polykarps Kirchenmalereien in Tansania machen es leicht, sich ihnen zu öffnen. Sie sind geprägt von kräftigen Farben und eindringlich konkreten, jedoch auf das Wesentliche reduzierten, biblischen Motiven. Über Polykarps monumentale Kirchenausmalungen sagte Benjamin Mkapa, der dritte Staatspräsident des unabhängigen Tansanias, einmal: „Der Beitrag von Polykarp für mein Volk und mein Land ist christliche Kunst, die der Betrachter fühlen kann. [...] Werke wie die von Polykarp helfen uns, die Welt zu verstehen und an sie zu glauben.“
Es sind schließlich und letztendlich diese Arbeiten, welche die beiden prägenden Momente in Polykarps Leben, das Land Tansania mit seinen Menschen und die Kunst, miteinander verschmelzen. Die Kirchenmalereien Polykarps sprechen für eine bunte, eine farbige Kirche und eine Mission, die sich auf das bildliche Verständnis der einheimischen Bevölkerung einläßt. Deshalb, so denke ich, ist uns Polykarp geschenkt worden! Dafür danken wir!
 

Leopold Klepacki, M.A.
Februar 2003
 


Die Entstehung der Bilder

Im Sommer 1978 malte Pater Polykarp in der Abtei Münsterschwarzach eine Totenkapelle aus. Es dauerte länger als geplant. Zum einen war die Struktur des Raumes etwas schwierig, zum andern verlangte das Thema des Todes eine intensive Auseinandersetzung. Aber schließlich war das Werk vollendet und Pater Polykarp ging voller Schwung an die Gestaltung der Sakristei. Dort wollte er eine große Stirnwand bemalen, von der Struktur her klar, ohne große Probleme. In kurzer Zeit schon war die Wand bemalt. Nur die einzelnen Szenen von Gottesbegegnungen mußten noch ausgearbeitet werden. Da reinigt Gott dem Propheten Jesaja mit glühender Kohle die Lippen, da sieht Mose den brennenden Dornbusch. Abraham will gerade seinen Sohn Isaak opfern, als ihm ein Engel den Arm hält. Und der Prophet Elija liegt müde am Bildrand, ein Engel kommt von oben und weist ihn auf Brot und Wasser hin. Und dann ringt Jakob mit einem dunklen Mann, mit Gott. Diese Szene wollte einfach nicht gelingen. Mitbrüder, die sich täglich vor der Messe in der Sakristei ankleideten und das entstehende Gemälde begutachteten, gaben ihren Kommentar ab, manche witzig, manche bissig und stichelnd. Eines Tages staunten sie nicht wenig, als sie wieder vor einer weißen Wand standen. Pater Polykarp hatte über Nacht alles weiß übertüncht. Nun zog er sich in sein Atelier zurück, mit sich und seinem Werk unzufrieden, in einer tiefen Krise. Der Jakobskampf hatte ihn einfach nicht  losgelassen, die Begegnung mit dem Dunklen, mit dem Schatten, aber auch mit einem Gott, der einen bis auf den Tod bekämpft.

Pater Polykarp beschreibt in einem Brief selbst diese Zeit:

"Man malt einen Sommer lang, sagen wir Sommer 1978, an den Wänden einer Totenkapelle. Das Ergebnis ist schwach. Dann beginnt man mit der Malerei an den Wänden einer großen Klostersakristei. Das Ergebnis ist noch schwächer. Es gelingt nichts. Nur flache Farbe.
Man will mit dem Pinsel hinter den Mann am Dornbusch kommen, hinter den Jesaja mit seiner glühenden Kohle im Mund, hinter Jakobs Kampf mit dem Engel. Man hat sich zu viel vorgenommen. Man ändert den Entwurf, aber das verschlimmert nur die Sache. Also übermalt man die ganze Wand mit schönem, deckendem Weiß, Neuschnee, der alles zudeckt, und wartet auf den Frühling.Man wartet auf Briefe, Freunde gehen abhanden. Das hält man nicht aus und geht auf Reisen. Zu einer Ausstellung nach Kassel. Es ist mittlerweile Oktober. Der Künstler hat Studien zum Turiner Grabtuch gezeichnet. Er stellt leidende und blockierte Menschen dar, nur mit Graphit, Kohle, Blei, Kreide und ein wenig Öl. Verletzlich. Man ist betroffen. Man findet was man sucht. Warum nicht auch einmal Kreide benutzen? Man hat nur noch einen Rest Hautöl aus dem Sommerurlaub. Der wird auf das Papier gespritzt, darübergezeichnet und braune Kreiden eingerieben. Kleine Pinselstriche schwarzer Tusche. So entstehen Geißelspuren. Ein gegeißelter Rücken. Man arbeitet weiter, gehetzt und sehr schnell. Man lernt neue Menschen kennen, wird enttäuscht und ist sehr schwach. Auf dem Boden kniend wird weitergezeichnet. Jeden Tag entstehen neue Blätter. Gute und schlechte. Propheten-köpfe für eine neue Wand? Jakobs Kampf? „Herr, ich lasse dich nicht, du segnest mich denn!“ Es ist Dezember.   In vier Wochen wird ein neues Wandbild über das Weiß gemalt. Es ist nicht viel besser als das erste. Aber man ist weitergekommen."
 
Auszug aus dem Vorwort von Pater Anselm Grün zu dem Buch „Wende dein Gesicht nicht von mir ab“
Bernhard Kraus/Polykarp Uehlein, erschienen im Vier-Türme-Verlag, Münsterschwarzach
 
1978 ... Aus dieser beschriebenen Zeit stammen einige der ausgestellten Blätter.